Vom Planlossein und Ankommen

Anne Sperling war im März in einer InVitrO-Redaktionssitzung und in verschiedenen Gruppen des Religonsunterrichts zu Gast. Sie berichtete von ihrem Diakonischen Jahr im Ausland. Im folgenden Artikel beschreibt sie einige ihrer Erfahrungen mit diesem Jahr. Unten folgen Kommentare von SchülerInnen, die sie im März am Einstein-Gymnasium erlebten.

Text und Fotos: Anne Sperling (Abitur 2015)
Gastredakteurin bei InVitrO – Die Schülerzeitung im Schaukasten und im Internet
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Seit der frühen Kindheit sind wir alle in ein festes System eingespannt. Sechs Jahre Grundschule und danach gleich sechs weitere Jahre Gymnasium. Wir haben feste Pläne, „Deadlines“ und wenig Möglichkeiten, aus dem Rahmen zu fallen und etwas ganz anderes zu tun. Aber irgendwann kommt der Moment, da ist alles urplötzlich vorbei. Zwölf Jahre haben wir uns diesen einen Moment ausgemalt und herbei gesehnt: Der wirklich letzte Schultag.

Irgendwann kommt für uns alle die Zeit, in der wir uns ernsthaft fragen müssen: Wie geht es für mich weiter? Ungefähr zu Beginn der 12. Klasse geschieht jedes Jahr das Gleiche. Der Jahrgang teilt sich in zwei Lager: Da sind  diejenigen, die einen Plan von der Zeit „danach“ besitzen und die, die keinen blassen Dunst haben.

Und genau zu letzterer Gruppe zählte ich. Während all meine Freunde und Mitschüler jede Pause und freie Minute darüber diskutierten, wo sie sich beworben haben und was sie zum Vorstellungsgespräch tragen sollten, saß ich dazwischen und hatte keine Ahnung. Andere redeten von Bewerbungsfristen und ich fühlte mich etwas verloren.

Ob ich manchmal Panik hatte? Natürlich! Sechs Monate vor Abschluss spielte ich mit dem Gedanken, Lehrerin zu werden. Jedoch schreckte mich etwas ab, A) sich sofort wieder hinter einen Schreibtisch zu setzten und B) riet mir jeder Lehrer, mit dem ich damals darüber redete,  überschwänglich davon ab. Außerdem war mir klar, dass ich diese Idee nur hatte, um auf die Frage „Und was machst du so danach?“ etwas antworten zu konnte.

Die Prüfungen rückten immer näher und der Zeitdruck wuchs. Noch immer hatte ich keinen Plan, aber ich wusste, dass ich erst mal keine Lust mehr auf Lernen hatte. Ich brauchte eine Pause. Auch wollte ich raus aus meinem gewohnten Umfeld, mal etwas Neues erleben und den Horizont erweitern. Andere Länder, Kulturen und Sprachen zu entdecken, erschien mir genau richtig für diesen Moment.

Als ich im Internet recherchierte, stieß ich zunächst auf die Klassiker: Au-pair in den USA oder Work‘ n Travel in Australien und Neuseeland. Für die Bewerbung dieser Programme, war ich aber zu spät dran und außerdem hatte ich nicht das Geld, um mir dies zu finanzieren.  Zufällig stieß ich auf ein Freiwilligenprogramm der „Evangelischen Freiwilligendienste“, die junge Leute nach ganz Europa versenden, um dort ehrenamtlich aktiv zu werden. Am nächsten Tag begann ich meine Bewerbung zu schreiben und sechs Monate später saß ich in einem Flugzeug nach Brüssel.

Während meine ehemaligen Mitschüler während ihrer Ausbildung oder ihres Studiums lernten, war ich in einem Kinderheim in Belgien tätig.

 

Mitten im Nirgendwo – Mein Zuhause auf Zeit

 

Ich arbeitete dort in der Woche als Erzieherin und am Wochenende reiste ich mit neuen Freunden durch Belgien, die Niederlande und Frankreich. Zehn Monate war ich ganz auf mich allein gestellt und hatte eine wunderschöne Zeit. Ich lernte, fließend Französisch zu sprechen und habe viele neue Bekanntschaften und Freunde gefunden.

 

Atomium

 

Strand von Ostende

 

Belgisches Bier

 

In dieser Zeit habe ich ehrenamtlich gearbeitet und bin jeden Tag mit dem Gefühl schlafen gegangen, wirklich etwas Gutes getan zu haben. Genau ein Jahr nach meinem Abitur hatte ich nun endlich einen Plan von meinem Leben „danach“. Ich habe mir die Zeit genommen die ich brauchte, um diesen zu finden und habe es nie bereut. Nun wusste ich, was ich studieren werde. Während ich diese Zeilen schreibe, liegt mein erstes Unisemester hinter mir.

Manchmal scheint es am einfachsten zu sein, genau das zu tun, was alle tun. Man hat doch sechs Jahre zusammen alles parallel getan, warum nicht auch weiterhin? Vielleicht ist dies das Richtige für dich, vielleicht aber auch nicht. Vielleicht musst du einfach einen eigenen Weg einschlagen. Vielleicht machst du Erfahrungen in deinem Leben, die dich für immer prägen werden.

Die Möglichkeiten sind unendlich. Wenn man andere Wege gehen will, muss man nur den Mut haben, diesen auch einzuschlagen.

 

  1. Nadine
    2. April 2017, 20:45 | #1

    Für mich war das Thema sehr spannend. Durch die vielen Informationen, die wie ein lockeres Gespräch präsentiert wurden, konnte ich mich sehr gut hineinversetzen, wie ein Auslandsjahr für mich wäre. Ich konnte mir so ein Bild machen, ob es eine Möglichkeit für mich wäre, ein freiwilliges Auslandsjahr zu machen. Ein wahrscheinlich sehr wichtiges Thema für alle, die nach der Schule auch etwas anderes machen wollen und nicht sofort wissen, was sie studieren möchten. Mir hat es sehr geholfen, etwas darüber zu erfahren. Danke Anne!

  2. Lilia Schulz
    2. April 2017, 20:47 | #2

    Eine ehemalige Schülerin des Einstein-Gymnasiums berichtete uns von ihrem Auslandsjahr. Sie erzählte uns von einem kleinen Jungen, der ins Kinderheim kam und nicht wusste, was man mit einer Zahnbürste macht. Das ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich fand den Vortrag wegen solcher Geschichten, die sie uns erzählte, sehr gut!

  3. Clara Mehnert
    2. April 2017, 20:52 | #3

    Ich hatte keine Ahnung, dass es so ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland gibt. Es ist wichtig, auch mal andere Optionen kennenzulernen, die man nach dem Abi machen kann. Da Anne es sehr sympathisch rüber gebracht hat, hatten alle gleich Lust, es selbst mal auszuprobieren. Anne war freundlich und offen und hielt ihre Erlebnisse nicht für zu privat, um sie uns zu erzählen. Zum Beispiel, dass sie nach neun Monaten feststellte, dass die berühmten belgischen Fritten dort traditionell in Rinderfett frittiert werden und sie diese neun Monate aß, obwohl sie Vegetarierin ist. Ich fand es gut, dass sie nach Belgien ging, obwohl sie unbedingt nach Frankreich wollte. Das zeigte ihre Offenheit für die verschiedenen Länder.

  4. Sarah Felgentreu
    2. April 2017, 20:55 | #4

    Der Vortrag war für mich sehr interessant. Es hat gezeigt, dass es nach der Schule auch noch andere Möglichkeiten als das Studium oder eine Ausbildung gibt. Mir hat es gut gefallen, weil man eine persönliche Meinung gehört hat. Es wurden nicht nur die schönen Seiten, sondern auch die anstrengenden beschrieben. So konnte man sich gut einen Eindruck machen. Ich hatte schon davor über ein Auslandsjahr nachgedacht und wurde durch den Vortrag in diesem Gedanken bestärkt.

  5. Luis Bormann
    2. April 2017, 21:00 | #5

    Anne hat mich sehr überrascht! Als ich erfahren habe, dass ein Mädchen zu uns in die Schülerzeitung kommt, welche ein Jahr im französischsprachigen Belgien war, war ich sehr geschockt. Weil durchschnittlich nicht so viele SchülerInnen ein Jahr dort verbringen, war ich leicht überrascht, dass ich einer begegnen werde. Nur mir wollte vorher nicht klar werden, was ein Auslandsjahr mit Religion zu tun hat. Als ich dann im Vortrag von ihr saß, merkte ich schnell, was IHR Auslandsjahr nach dem Abitur mit dem Unterrichtsfach Religion zu tun hat. Doch sie ging nicht nur ins Ausland, um ein sehr gutes Niveau in der französischen Sprache zu erlangen, sondern auch um anderen Menschen zu helfen. Chapeau ! Ich finde das total wunderbar! Am Anfang wollte sie erst nach Frankreich, doch dann hatte sie keine Wahl mehr: Belgien oder nichts … Hätte ich mich entscheiden müssen, hätte ich mich, glaube ich, nicht für Belgien entschieden. Das hat nichts damit zu tun, dass ich Belgien nicht mag, sondern dass ich viel zu stark auf Frankreich fokussiert bin. Das zeigt, dass Anne sehr flexibel und auch offen für andere Länder ist. Ich kann nur sagen « CHAPEAU ». Danke, dass du dir Zeit für uns genommen hast, um uns etwas über dein Jahr zu erzählen. Auch wenn es nicht Frankreich war, fand ich es sehr schön.
    Merci beaucoup !

  6. Tim Koschmieder
    2. April 2017, 21:05 | #6

    Annes Vortrag informierte mich gut über das Freiwillige Soziale Jahr. Ich erfuhr bei ihrem Vortrag außerdem viel über das Leben in Belgien. Es hat sich für mich sehr interessant angehört. Vor allem, dass man nicht nur was für sich tut, sondern auch für Andere. Mir hat auch gefallen, dass sie sich nicht auf ein Land fixierte, sondern einfach nach dem Bauchgefühl ging. Anne berichtete in ihrem Vortag auch von ihren persönlichen Ereignissen und Erfahrungen. Das fand ich persönlich sehr gut.

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